Studieren in Kanada

Zwischen Hörsaal und Campusleben

Mein Auslandssemester an der University of Waterloo war vor allem eines: eine völlig neue akademische Erfahrung.

Auch wenn ich natürlich wusste, dass sich das Studium im Ausland von meinem gewohnten Hochschulalltag unterscheiden würde, wurde mir das tatsächliche Ausmaß dieser Unterschiede erst in den ersten Wochen so richtig bewusst.

Insgesamt belegte ich vier Kurse, verteilt auf alle Wochentage. Anders als in Deutschland, wo am Ende des Semesters meist eine einzelne Klausur über 100 Prozent der Note entscheidet, beginnt in Kanada die Leistungsbewertung ab der ersten Woche. Regelmäßige Assignments, Quizze, Gruppenprojekte und kleinere Tests sorgten dafür, dass man kontinuierlich am Ball bleiben musste. Dieses System bedeutete zwar einen höheren Arbeitsaufwand während des Semesters, nahm jedoch spürbar Druck aus der finalen Prüfungsphase. Die Midterms und Finals machten meist nur 30 bis 50 Prozent der Gesamtnote aus, der Rest war zu diesem Zeitpunkt bereits erarbeitet.
Gerade zu Beginn war es ungewohnt, Vorlesungen ausschließlich auf Englisch zu verfolgen. Besonders wenn Dozenten sehr schnell sprachen oder Fachbegriffe verwendeten, musste ich mich stark konzentrieren. Mit der Zeit entwickelte ich jedoch eine Routine: viele Notizen machen, Inhalte direkt im Anschluss nacharbeiten und Unklarheiten frühzeitig klären. Auch kleine Unterschiede, wie die umgekehrte Verwendung von Komma und Punkt bei Zahlen, sorgten anfangs für Verwirrung. Nach einigen Wochen war aber auch das selbstverständlich.

Was mich besonders beeindruckt hat, war die Größe der Universität. Mit rund 30.000 Studierenden ist die University of Waterloo deutlich größer als die DHBW Ravensburg. Der Campus wirkte wie eine eigene kleine Stadt. Neben Vorlesungsgebäuden gab es zahlreiche Lernräume, Bibliotheken und Aufenthaltsbereiche, die fast rund um die Uhr genutzt werden konnten. Gerade in den Abendstunden war es völlig normal, dass viele Studierende noch gemeinsam lernten oder an Projekten arbeiteten.

Ein großer Bestandteil des Campuslebens war außerdem das vielfältige Freizeitangebot. Das universitätseigene Fitnessstudio war für alle Studierenden zugänglich und erstreckte sich über drei Etagen. Zusätzlich gab es ein Schwimmbad, eine Kletterhalle, mehrere Indoor-Sportplätze, Beachvolleyballfelder, eine Eishalle sowie ein großes Footballfeld.
Besonders spannend fand ich das sogenannte Intramural-System. Dabei handelt es sich um universitätsinterne Ligen, in denen Studierende in unterschiedlichen Sportarten gegeneinander antreten können. Gemeinsam mit Freunden gründete ich ein Fußballteam und wir traten in der Kategorie Beginner Soccer 6vs6 an. Woche für Woche spielten wir gegen andere Teams, bis wir es tatsächlich in die Playoffs schafften und am Ende im Elfmeterschießen das Finale gewannen. Dieser Sieg war ohne Zweifel eines meiner persönlichen Highlights des Semesters.

Darüber hinaus gab es eine enorme Bandbreite an studentischen Clubs. Von Koch- und Laufgruppen über E-Sports bis hin zu eher außergewöhnlichen Angeboten wie Quidditch oder Anime war nahezu jedes Interesse vertreten. Diese Vielzahl an Möglichkeiten machte deutlich, welchen Stellenwert Offenheit und Vielfalt an der University of Waterloo haben.
Jeder konnte einen Platz finden, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Interessen oder Studiengang. Besonders spürbar wurde das während der Einführungsveranstaltungen für die rund 250 Exchange-Studierenden. Dort lernte ich Menschen aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt kennen. Aus ersten Gesprächen wurden gemeinsame Lernabende, Reisen und echte Freundschaften, die weit über den Campus hinausgingen.

Rückblickend war es genau diese Mischung aus akademischer Struktur, hoher Eigenverantwortung und einem aktiven Campusleben, die das Studium in Waterloo so besonders gemacht hat. Die Universität bot nicht nur fachliche Weiterbildung, sondern auch ein Umfeld, in dem man sich persönlich weiterentwickeln konnte.

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